Die IGS Wollenbergschule Wetter setzt als Ganztagsschule mit Profil 3 auf gemeinsames Lernen und Inklusion.
Ein Bericht von Barbara Zeizinger
Das weitläufige Schulgelände ist tief verschneit. Auch der Schulgarten, aus dem im Sommer Produkte für die Schulküche geholt werden, und die angrenzende Obstbaumwiese sind bald weiß, denn an diesem Vormittag fällt ununterbrochen Schnee.
Gute Verpflegung ist wichtig
Im Inneren der Schule ist von den Ungemütlichkeiten des Wetters nichts zu spüren. Heute ist ein besonderer Tag. Im Hauptgebäude spielt in der ersten großen Pause die Schulband, denn der neue Schulkiosk wird hier eröffnet. Wie es sich für ein ordentliches Bauvorhaben gehört, durchschneidet Schulleiterin Christiane Dietzel ein rot-weißes Band und sofort stürmen Schülerinnen und Schüler an die Theke.
Schulband
„Schule ist mehr als Unterricht“, sagt Christiane Dietzel in ihrer kurzen Ansprache und dankt dem Achter- und Neunerteam für deren Unterstützung bei der Vorbereitung. Sie verweist auf den Zusammenhang, dass die Wollenbergschule Wetter seit 2011 die erste ganztägig arbeitende Schule im Kreis Marburg-Biedenkopf nach Profil 3 der hessischen Ganztagsrichtlinien ist und verpflichtenden Unterricht auch am Nachmittag hat. Folglich müssen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, in der Schule essen zu können.
Daher gibt es auch Pläne, die bestehende Mensa auszubauen. Gleich drei Vertreter des Kreises sind zu der Eröffnung des Kiosks gekommen. Sie versichern, dass der Kreis die Schule in ihren ganztägigen Angeboten auch weiterhin baulich unterstützen wird. Die Verantwortlichen des Kreises sind gut informiert, welche räumlichen Voraussetzungen eine Ganztagsschule benötigt. Denn die Schule hatte zuvor mit Unterstützung der hessischen Serviceagentur „Ganztägig lernen“ den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes Stefan Appel eingeladen, mit Vertretern des Kreises darüber zu sprechen, inwiefern eine Ganztagsschule den Schulalltag verändert.
Für die Mensa wird nun angestrebt, die Plätze von 100 auf 150 zu erhöhen. Das würde bedeuten, dass nach dem Modell „Schüler kochen für Schüler“ die Jugendlichen, die mit Unterstützung ihrer Lehrerinnen in Arbeitslehre und Wahlpflichtunterricht für Planung und Zubereitung der Gerichte zuständig sind, in Schichtbetrieb bis zu 300 Essen anbieten könnten.
"Länger gemeinsam lernen"
Gleich am Haupteingang fällt dem Besucher auf dem Namensschild das Logo „länger gemeinsam lernen“ auf, das sich wie ein roter Faden durch alle Flyer, Veröffentlichungen, vor allem aber durch den gelebten Schulalltag zieht. So passt die Organisation einer Ganztagsschule nach Profil 3 mit ihren Möglichkeiten vermehrte Angebote innerhalb und außerhalb des Pflichtunterrichts anbieten zu können sowie durch Rhythmisierung den Tag zu entzerren, gut zu einer Schule, die als Integrierte Gesamtschule schon immer Heterogenität als Grundprinzip hatte. Daher werden in den Jahrgängen 5 und 6 alle SchülerInnen - einschließlich Kinder mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung - in allen Fächern gemeinsam im Klassenverband unterrichtet, ehe in höheren Klassen in einzelnen Fächern nach Kursen differenziert wird. Um beim „Arbeiten am gemeinsamen Gegenstand auf unterschiedlichen Lernniveaus“ den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Kinder gerecht zu werden, bietet die Schule auf der Basis von Bildungsstandards individuelle Lernpläne an. Dieses binnendifferenzierte Unterrichten wird in den Klassen 5–7 durch zusätzliche Stunden in dem Fach „Individuelles Lernen“ ergänzt. Für ihre Leseförderung erhielt die Wollenbergschule Wetter sogar die Auszeichnung „Best-Practice-Schule“.
Lernrollen
Ebenfalls gute Erfolge erzielt sie in Zusammenarbeit mit der Universität Münster (Lernserver) im Bereich Diagnostik und Förderung der Rechtschreibung. Hier steht ebenso individuelle Förderung im Mittelpunkt, denn das jeweilige Trainingsprogramm eines Kindes ist mit entsprechenden Materialien auf persönliche Fehlerschwerpunkte zugeschnitten.
Aber auch in höheren Klassen werden in den Hauptfächern zusätzliche Stunden für gemeinsames Lernen angeboten und in Klasse 10 Wahlpflichtangebote, welche die SchülerInnen bei ihrem Abschluss oder beim Übergang in eine weiterführende Schule unterstützen.
Grundsätzlich kommt der Schule entgegen, dass sie durch ihren Status als Ganztagsschule nach Profil 3 mehr als acht zusätzliche Lehrerstellen bekommen hat und diese für unterschiedliche Angebote nutzen kann. Fördermöglichkeiten im Fachunterricht, fachübergreifende Projekte, Übungszeiten oder Arbeitsgemeinschaften sind nur einige Beispiele, wie sich die Ganztagsschule auswirkt, die Jugendlichen ja insgesamt mehr Zeit zum Lernen geben soll. Zeit ist auch für den kulturellen Schwerpunkt vorhanden. Jedes Kind, so unterschiedlich begabt oder interessiert es sein mag, lernt ein Instrument oder singt im Chor. Es gibt eine Schulband, ein Orchester, Theaterworkshops und im Wahlpflichtunterricht Darstellendes Spiel.
Die Wollenbergschule Wetter ist eine jahrgangsgegliederte Schule, d. h. die Klassen eines Jahrgangs bilden jeweils eine organisatorische Einheit. Dazu passt gut, dass die Schule, die auf der Kuppe des Wollenbergs liegt, aus einem großzügigen Campus mit vielen Grünflächen und mehreren Gebäuden besteht. Ziel ist es, durch gemeinsame Projekte und Klassenfahrten den Zusammenhalt innerhalb eines Jahrgangs zu fördern.
Große Schritte auf dem Weg zur Inklusion
Im Bereich der Sonderpädagogik ist die Wollenbergschule Beratungs- und Förderzentrum mit den Schwerpunkten Lernen, körperliche und motorische Entwicklung, emotional-soziale Entwicklung, Sehen, Hören, Sprachheilförderung und geistige Entwicklung. An 10 Grundschulen im Schulverbund ist sie für präventive und dezentrale Förderung zuständig. Mit dieser Expertise im eigenen Haus und auf Grund ihrer langen Erfahrung in der Zusammenarbeit von Regelschule und Förderschulzweig hat sich die Wollenbergschule Wetter seit dem Schuljahr 2009/10 auf den Weg gemacht, Kinder mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung im Schwerpunkt Lernen sowie im emotional/sozialen Bereich in der Regelschule in den Klassen 5 -10 zu unterrichten. Dies geschieht in Klassen, in denen je eine Lehrkraft aus Regelschule und Förderschule als gleichberechtigtes Team die Klasse leiten und den Unterricht gemeinsam planen, wobei sie sich an der Heterogenität der gesamten Gruppe orientieren. Die Doppelbesetzung in diesen Lerngruppen erlaubt es, Schülerinnen und Schüler ihren Fähigkeiten entsprechend zu unterrichten. Kinder mit Problemen im emotional/sozialen Bereich werden von Fachkräften mit dem Schwerpunkt Erziehungshilfe begleitet.
Neben dem eigentlichen Unterricht gibt es weitere inklusive Bausteine:
- Gemeinsame Pausenzeiten. Alle Bereiche sind für alle zugänglich.
- AGs können von allen Schülerinnen und Schülern besucht werden.
- Alle können das Essensangebot der Schule nutzen. Dass Unterstützung für Einzelne notwendig ist, gehört zum selbstverständlichen Bild.
- Jahrgangsbezogene Projekte wie Theatertage oder Suchtpräventionswoche werden gemeinsam durchgeführt.
- Der Unterricht „Musikalische Neigungsgruppen“ in den Jahrgängen 5/6 findet schulübergreifend statt.
- Gemeinsame Feste.
Um Eltern Wahlfreiheit zu geben, gibt es neben der Inklusion weiterhin eigene Klassen für Kinder mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung.
Gesche Herrler-Heycke, die Leiterin des Förderschulzweiges, hat in einem Papier das Profil des Förderschulzweiges an der Wollenbergschule Wetter zusammengefasst. Darin wird deutlich, wie erfolgreich die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen ist. Denn in „den vergangenen Jahren konnte kontinuierlich bei ca. 25% der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs der Anspruch auf sonderpädagogische Förderung im Förderschwerpunkt Lernen aufgehoben werden.“
Und weiter heißt es:
„In Einzelfällen (in den vergangenen 3 Jahren 3 Schülerinnen und Schüler) wird der mittlere Bildungsabschluss erreicht.“
Lernzirkel zum Thema Katze
Auf dem Lehrertisch steht vor vier Adventskerzen das Skelett einer Katze. Wir befinden uns im Klassenraum der 5a, die eine der Inklusionsklassen ist. Lehrer Jan Bartelmeß sorgt mit einem Glöckchen für Ruhe und fasst eingangs die anstehenden Aufgaben zusammen.
Katzenskellet
Es ist Nawi-Unterricht und die meisten SchülerInnen wissen bereits, was sie in dieser letzten Phase eines Lernzirkels zum Thema Katze erledigen müssen.
Vier Schüler gehen nach nebenan, um sich einen Film über das Thema anzuschauen. Zwei andere benutzen den Computer, der im Raum steht und zwei Mädchen „kämpfen“ mit Nadeln und Wollfaden. Sie wollen ergründen, was Katzen alles mit ihren Härchen erspüren können.
Es herrscht eine erstaunlich ruhige Lernatmosphäre. Ein Mädchen bekommt Hilfe von einem Klassenkameraden, der ihr im Buch etwas erklärt. Jan Bartelmeß geht von Tisch zu Tisch, bietet Unterstützung an. Die zweite Lehrkraft, die normalerweise mit in der Klasse ist, befindet sich heute auf einer Fortbildung, so dass die Doppelbesetzung ausfällt. Dafür wird die Klasse in der Stunde von einem Praktikanten unterstützt. Er heißt ebenfalls Jan und kommt von der Fachoberschule in Marburg. Er möchte Lehrer werden und für ihn war es klar, dass er sein Praktikum an der Wollenbergschule Wetter absolviert, die er selbst bis zur 10. Klasse besucht hat.
Nach dem Klingeln sagt mir Lehrer Jan Bartelmeß, welche Schülerinnen und Schüler die vier Förderkinder sind. Ich hatte es während der Unterrichtstunde nicht herausgefunden.
„Man kann nicht sagen, dass nur die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auffällig sind“, sagt Schulleiterin Christiane Dietzel. Sie lobt ihre Kolleginnen und Kollegen, von denen sich die meisten bewusst für diese Schule entschieden hätten und sich mit großem Engagement in das inklusive und ganztägige System einbringen würden. Sozialpädagog/innen, Erzieher/innen, Integrationshelfer/innen und andere Fachkollegen unterstützen die Schule in ihrer Arbeit, so dass rund 100 Menschen unterschiedlicher Professionen sich um gute Lernerfolge ihrer Schützlinge bemühen.
Autorin: Barbara Zeizinger
Fotos: IGS Wollenbergschule Wetter
Datum: 18. Februar 2013
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